Woher kommt es, dass wir angepasst sind? Wie schon im Modell erwähnt, spielt die Erziehung eine bedeutende Rolle. Dazu müssen wir etwas ausholen. Bei der Erziehung wird versucht, Kinder an gewisse Regeln anzupassen und sie damit zu „kultivieren“ – ihnen also Strukturen und Normen aufzuerlegen. Erziehende haben eine gewisse Vorstellung und Erwartungshaltung wie ein junger Mensch zu sein hat und versuchen ihn durch verschiedene Erziehungsmethoden und Belehrungen dazu zu bringen, so zu werden, bzw. „etwas“ zu werden. Das Wort „etwas“ deutet schon an, dass man hier keinem Menschen mehr begegnet, sondern einem Objekt. Dabei spielt es keine Rolle wie gut die dahinter liegenden Absichten sind, bzw. wie „nett“ erzogen wird, sondern die zugrunde liegende Haltung. Durch Belehrungen, Strafen oder auch Konsequenzen, durch Lob oder sonstige Strategie oder Methode ist es nicht mehr möglich einem Menschen auf Augenhöhe zu begegnen.

Jeder, der ehrlich darüber nachdenkt, weiß das tut weh. Kinder können solche Handlungen nicht distanziert betrachten, sondern führen es auf sich selbst zurück und fühlen, sie sind nicht in Ordnung wie sie sind. Daraufhin versuchen Kinder ihre Bedürfnisse zu unterdrücken und entwickeln Strategien mehr so zu sein, wie es sich der Erziehende wünscht. Hier kann man schon den Spalt sehen: Wie ein Kind eigentlich ist und es sich aufgrund ihrer Bezugspersonen anpasst.

Kinder haben noch keine eindeutige Farbausprägung. Sie sind interessiert an allen Bereichen.

Durch Erziehung werden Menschen jedoch in den blau/grünen Bereich (siehe Modell) gedrückt. 

Beispiel: Aufforderungen wie „So etwas macht man nicht“, „Jetzt sei doch nicht so“, „Das verstehst du nicht“, „Wie sagt man?“ vermitteln dem Kind Muster, die sich als Glaubenssätze in ihr Gehirn einprägen. Es lässt keinen Raum für freies Denken. Kinder lernen zwar diese Muster und spielen sie auch ab, aber nachhaltiges Lernen hat hier nicht stattgefunden. Das heißt sie machen Dinge nach Schema F; weil man es eben so macht. Es wird ihnen aber keine wirkliche und nachhaltige Lernerfahrung ermöglicht. Hier wird ein Kind in den blauen Bereich erzogen. Das Gefühl, welches das Kind bei solchen Aufforderungen aufnimmt und die Gedanken dazu „Ich bin nicht in Ordnung wie ich bin“ und „Ich muss anders werden“ drücken ein Kind in den grünen Bereich.

„Rebelliert“ oder „trotzt“ ein kleiner Mensch gibt er Widerstand gegen diese Anpassung und zeigt somit seine Grenzen auf. Er möchte gesehen werden.

An unserer kleinen Geschichte kann man die Anpassung an blau/grün sehr gut aufzeigen:

Maya (gerade 3 Jahre alt geworden) bekommt an der Wursttheke eine Scheibe Lyoner geschenkt. Sie fühlt sich verunsichert und sucht Schutz bei ihrer Mutter. Maya möchte gerade nicht antworten. Sie hat schon oft bemerkt, dass sich Leute bedanken. Aber sie hat auch schon bemerkt, dass es Situationen gibt, bei denen Leute sich nicht bedankt haben (zum Beispiel hat sich die Verkäuferin in der Bäckerei, als sie das Geld ihrer Mama entgegengenommen hat, nicht bedankt). Sie ist gerade dabei die Welt zu verstehen und Dinge für sich einzuordnen, Strukturen zu erkennen. In ihrem Kopf spielen sich viele Dinge ab und ihr Körper gibt ihr verschiedene Gefühle, die sie nicht deuten kann. Sie ist sich jetzt sicher, dass man sich in dieser Situation bedankt, aber sie möchte gerade nicht sprechen. Sie fühlt sich so verunsichert. Jetzt merkt sie, wie sie von vielen Leuten ringsum erwartungsvoll angeschaut wird. Plötzlich kommt ein neues Gefühl hinzu. Sie fühlt sich angespannt. Dann verängstigt. In all ihren Gefühlen und Gedanken kommt von ihrer Mama die Frage: „Wie sagt man?“ Und nun fühlt sie sich völlig entmutigt und unverbunden. Keiner ist mehr da bei dem sie Schutz suchen kann. Maya versteht nicht, was sie „falsch“ gemacht hat, aber es muss gravierend sein, denn ihr Empfinden sagt es ihr so. Nachdem sie die Flut an Gefühlen einigermaßen verdaut hat, ist sie sich eins sicher. Diese Gefühle möchte sie nie mehr wieder fühlen. Also hat sie sich jetzt arg zu Herzen genommen, immer brav zu sagen, was die Leute von ihr erwarten. Ihr Lernfeld zum Thema Dankbarkeit ist erstmal zu. Sie möchte darüber nicht nachdenken und Fragen dazu stellen mag sie auch nicht mehr. Damit nur diese Gefühle nicht mehr kommen. Außerdem weiß Maya nun, dass dieser „man“ (wer auch immer das sein mag) über sie entschieden hat, was sie tun muss. Und sie wird noch feststellen, dass dieser „man“ noch öfter im Leben über sie entscheiden wird.

Konntest Du die blaue und die grüne Anpassung erkennen? Maya wird in dieser Situation blau angepasst durch die Belehrung, was in dieser Situation genau zu tun ist. Die grüne Anpassung geschieht durch ihr Gefühl nicht gut genug zu sein, das ihr die Gesellschaft gibt.

Kannst Du Dich an so eine Art Gefühl aus der Kindheit erinnern? Was für eine Situation war das?

 

 

Photo by Hermes Rivera on Unsplash

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