Vor einigen Wochen habe ich ein Seminar besucht. Nachdem ich dort erzählt hatte, mit welchem Thema wir uns beschäftigen – und dass uns wichtig ist zu wissen, warum Menschen tun, was sie tun – erwiderte eine ältere Dame „ein WARUM erzeugt immer eine trotzige Antwort“. Damals habe ich nicht verstanden, was sie mir sagen wollte. Aber als ich mich neulich mit einem Herrn aus unserer Nachbarschaft unterhalten habe, und ich immer wieder nachgefragt habe (ja, ich habe zum Teil auch das Wort WARUM genutzt), einfach  weil ich mich seine Meinung dazu interessierte, erwiderte er mir „Sind Sie 4? Oder weshalb fragen Sie immer wieder warum das so ist?“, ging mir ein Licht auf.

Die Dame hatte Recht. Ein WARUM erzeugt immer eine trotzige Antwort! Also, vielleicht nicht immer. An sich hatte die Dame allerdings Recht. Ein WARUM hat eine trigger-Wirkung. Aber WARUM ist das so?

Wir bekommen von klein auf „die Welt erklärt“. Sei es von unseren Eltern, den Großeltern oder sonst jemand. Und oft genug gibt es dabei eine Lösung. Eine! Nämlich genau die des Gegenübers. Fertig! Dass die Wirklichkeit aber anders aussieht – und dass es auf ein Problem ganz viele und vor allem unterschiedliche Lösungen gibt – haben wir nicht gelernt.

Und da liegt das Problem. Wenn Dir (vor allem wenn es von klein auf geschieht) immer und immer wieder gesagt wird, wie genau die eine Lösung aussieht und dass es nur diese eine Wahrheit gibt, wird Deine Welt verhältnismäßig starr aufgebaut. Wenn nun später jemand kommt und verschiedene Punkte im System hinterfragt, hinterfragt er damit nicht nur das System, sondern Deine komplette Vergangenheit. Mehr oder weniger Dein ganzes Leben.

Und dann kommen Gefühle ins Spiel. Und das auf vielen verschiedenen Ebenen.

Fehler-machen wurde und wird oft heute noch als Schwäche angesehen. Verbreitete Meinung ist, dass Fehler peinlich sind. Wer Fehler macht wird belächelt oder sogar gänzlich ausgelacht. Fehler werden nicht als Chance oder als Herausforderung angesehen, Fehler zeigen viel eher, dass nicht hart und nicht gut genug gearbeitet wurde. Das fällt natürlich auf Dich zurück. Genau mit der Einstellung hast Du Dir so etwas wie Angst davor aufgebaut, einen Fehler zu machen, denn ein Fehler zeigt, dass Du für bestimmte Dinge nicht gut genug bist! Du bist nicht gut genug!

Dazu kommt, dass das System hinterfragt wird. Das heißt, Du bekommst das Gefühl, dass in Bezug auf Deine bisherigen Entscheidungen und Meinungen etwas falsch gewesen sein soll. Und damit, dass Du falsch sein sollst. Das verletzt. Und das gilt es zu abzuwehren. Zumindest sagt das Dein verletztes inneres Kind. ‚Bitte nicht noch mehr Schmerzen!‘ Du rutschst automatisch in die ungewollte rote Anpassung. Sie enthält die Schattenseiten von rot. Du wirkst harsch, impulsiv, verbissen, unkontrolliert oder eben patzig.

Das Festlegen auf eine einzige Lösung, Angst vor Fehlern und das Hinterfragen des Systems sind also die primären Auslöser für die ungewollte rote Anpassung. Oft kommt es sogar vor, dass Du in genau diesem Moment selber merkst, dass Du so nicht reagieren möchtest – aber Du kannst eben nicht anders.

Heißt das jetzt, dass Du nichts mehr hinterfragen darfst? Dass Du alles so hinnehmen sollst? Oder einfach, dass das Wort WARUM nicht mehr benutzt werden darf? Nein! Genau das soll es nicht heißen! Hinterfragen ist wichtig! Nur durch Hinterfragen und Anzweifeln kannst Du etwas in der Welt bewegen. Lange genug wurden Dinge zu einfach akzeptiert bzw. hingenommen.

Dass also bei einer WARUM-Frage eine trotzige Antwort kommt, kann ich jetzt nachvollziehen. Das ändert allerdings nichts daran, dass ich die Frage weiterhin stellen möchte. Nur werde ich sie möglichweise auf eine empathischere Art stellen und für den Fall, dass so eine Antwort kommen sollte bin ich vorbereitet. Alles was an Reaktion kommt, kommt nicht gegen mich als Person. Es sind Emotionen aus der Vergangenheit, aus den Erfahrungen meines Gegenübers.

Wie ist Deine Erfahrung dazu? Warst Du auch schon in einer Situation, in der Du eine patzige Antwort bekommen hast? Oder hast Du selber schon jemandem solch eine Antwort gegeben? Wie war Dein Gefühl dabei?

Vorheriger Artikel
Nächster Artikel