„Ich hab´ Hunger, Mama!“ sagt der 12-jährige Sohn neben Dir auf dem Beifahrersitz nach einer kurzen Pause. Dieser Satz passt nicht in die Unterhaltung von gerade eben. Er löst in Dir sofort Gefühle aus. Plötzlich fährt es wie ein Blitz durch Dich durch. „Wir sind gerade erst losgefahren.“ Du starrst auf das Auto vor Dir im zähen Verkehr. „Ich hab´ aber Hunger!“ Wieder fühlt sich Dein Körper anders an. Angespannter als vorher. Dein Herz beginnt schneller zu schlagen. Du überlegst Dir, ob Du irgendetwas Essbares dabei hast. Vergeblich! „Ich kann nichts herzaubern!“ Dein Ton wird rauer. Es folgt eine endlos wirkende angespannte Pause zwischen Euch. Du legst nach. „Es ist immer wieder das Gleiche bei Dir! Kaum sind wir unterwegs brauchst Du etwas oder hast Hunger oder Durst oder sonst was! Kannst Du das nicht vorher planen? Ich hab´ da einfach keine Lust drauf!“ Die restliche Fahrt ist leise. Aber auch sehr unangenehm. Verbunden seid ihr lange nicht mehr.

Hast Du Dich mal gefragt wieso Du so reagierst? Ausgelöst wird das Ganze durch Deine ungewollt rote Anpassung. Durch Deine Vergangenheit (z.B. aus der Erziehung aus Deiner Kindheit) hast Du mehr und mehr von der grünen und blauen Anpassung bekommen. Wenn jemand gesagt hat, dass Du (mal wieder) etwas falsch gemacht hast, gab es in Dir zwei Reaktionen:

  1. Eine sachliche Reaktion (blau): Du hast gelernt, dass man Dinge nach einem ganz bestimmten Schema macht. So, wie es schon immer gemacht wurde. Und nicht anders! Denn anders = falsch!
  2. Eine emotionale Reaktion (grün): Als Kind hast Du das Ganze auf Dich bezogen. Kinder können da noch nicht differenzieren. Du hast nicht mehr gehört und gespürt, dass Du ETWAS falsch gemacht hast, sondern vielmehr dass DU FALSCH BIST.

Dein inneres Kind ergibt sich damit immer mehr der Anpassung. Je nachdem, wie intensiv die Einwirkung von außen ist, kommt Dein inneres Kind an eine Grenze, an der es spürt, dass es sich ab jetzt wehren musst, weil es sonst zu sehr leidet. Jede Einwirkung von außen wird ab diesem Zeitpunkt bekämpft. Du springst automatisch in rot und bist dagegen. Gegen die Erziehung, gegen Argumente, gegen bisherige Regeln… Unter Umständen gegen alles. Da man Dich eigentlich anders haben wollte (sonst hätte man ja nicht versucht Dich anzupassen), nennen wir das „ungewollt“ rote Anpassung. Sie enthält die Schattenseiten von rot. Du wirkst dadurch harsch, impulsiv, laut, verbissen, patzig, unkontrolliert…

Und genau diese ungewollte rote Anpassung bewirkt, dass Du heute so reagierst. Natürlich gibt es die Möglichkeit, dass Dein Sohn sich einfach mitteilen wollte. Er hat den Hunger in dem Augenblick gespürt und wollte Dich an seinem Gefühl teilhaben lassen. Allerdings hat es in Dir einen Trigger ausgelöst. Deine Anpassung. Dadurch verhältst Du Dich in ähnlichen Situationen in etwa so, wie es damals mit Dir gemacht wurde. Ohne, dass Du Zeit hast zu überlegen. Das Gefühl, dass Du in Deiner Kindheit dabei gefühlt hattest als mit Dir so umgegangen wurde, kommt wieder hoch. Und diese Welle an Gefühlen überrollt Dich. Da hilft nur eins: tief durchatmen! Und dann erst reagieren.

Werde Dir im ersten Schritt bewusst, woher das Gefühl kommt, das da gerade in Dir aufsteigt. Allein durch dieses tiefe Bewusstsein wird sich so viel in Dir ändern. Du kannst die Gefühle einordnen. Kannst sie als aktuell gegebene Situation annehmen und ab da kannst Du daran arbeiten. Holst Du Dir dieses Bewusstsein immer wieder ins Gedächtnis, wird sich automatisch Dein Fokus darauf legen. Du bekommst zunehmend mehr Feingefühl in solchen Situationen und Du wirst merken wie es Dir deutlich einfacher fällt in ähnlichen Situationen entspannt zu bleiben.

Versuche im zweiten Schritt herauszufinden, was genau Dein Sohn in diesem Fall braucht. Reicht es vielleicht schon ihm zu zeigen, dass Du ihn gehört hast? Finde heraus, wieso er es gesagt hat. Möglicherweise war es für ihn ein Einstieg in eine weitere Konversation mit Dir. Vielleicht auch etwas anderes. Wenn es jetzt nicht (mehr) der richtige Zeitpunkt ist, dann frage ihn später in einer ruhigen Minute. Und erzähle offen, wie Du Dich in dabei gefühlt hast. Dann wiederrum kann er Deine Lage besser einschätzen.

So! Und jetzt, lass uns die gleiche Szene noch einmal durchspielen. Aber dieses Mal ist es nicht Dein Sohn, sondern Dein Partner. Oder Dein Kollege. Oder Deine beste Freundin.

„Ich hab´ Hunger!“ sagt deine beste Freundin neben Dir auf dem Beifahrersitz nach einer kurzen Pause. Dieser Satz passt nicht in die Unterhaltung von gerade eben. Er löst in Dir Gefühle aus. Plötzlich spürst Du auch leichten Hunger in Dir aufsteigen. Eigentlich war er schon länger da, aber mit der Hektik hast Du ihn wohl verdrängt. „Auf was hast Du denn Lust?“ Ihr steht im Stau. „Puhh, das wird hier wohl noch eine Weile dauern bis wir zuhause sind. Wollen wir uns unterwegs etwas holen?“

Die Situation ist im großen Ganzen die Gleiche. Und doch könnten Deine Reaktionen nicht unterschiedlicher sein. Auf der einen Seite gereizt, auf der anderen Seite verständnisvoll. Und das alles nur wegen eines Triggers. Wäre es also nicht toll, wenn Du Deinem Sohn gegenüber genauso reagieren könntest?

Kennst Du ähnliche Situationen? Was löst es in Dir aus?

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