Kinder sind keine Hunde! Klar nicht, sie haben ja kein Fell! Wir alle wissen wie unterschiedlich unsere Kinder zu den vierbeinigen Artgenossen sind. Und doch, versuchen wir unsere Kinder – wie auch Hunde – zu konditionieren. Wir erlegen ihnen Regeln auf, von denen wir glauben zu wissen, dass sie gut sind. Wir nehmen uns das Recht heraus, unsere Kinder (und Hunde) nicht zu dem heranwachsen zu lassen, was sie möchten, sondern zu dem was wir (aufgrund von Regeln und Grenzen) an ihnen gerne sehen möchten.

Jetzt gibt es aber (neben vielen anderen) den Unterschied, dass ein Hund gewisse Konditionierungen benötigt um in der häuslichen Gemeinschaft klar zu kommen. Ein Kind nicht. Der Hund wird keine Selbstzweifel entwickeln. Auch nicht mit fortschreitendem Alter. Ein Hund wird nicht eines Tages depressiv am Fenster sitzen und Dir zu verstehen geben, dass Du besser heute ohne ihn Gassi gehst, weil er nicht in der Stimmung ist. Ein Hund wird nicht versuchen, mit größter Anstrengung Anerkennung zu erfahren und sich unter Umständen dadurch selbst aufgeben.

Aber was genau macht denn die Anpassung eigentlich? Und woran kannst Du sie erkennen? (Für die Bedeutung der Farben kannst Du gerne hier nochmal schauen)

Nehmen wir uns mal einen typischen Tag eines Kindes (mit Anpassung). Nennen wir sie Carla, 9 Jahre alt. Geweckt von dem Wecker oder ihren Eltern muss Carla bereits am frühen Morgen zu einer ihr vorgegebenen Zeit aufstehen (blau). Selbst wenn sie einmal nicht möchte oder einfach noch zu müde ist, muss sie dennoch aufstehen (blau) und soll sich „bitte nicht so anstellen“ (grün). Während der Zeit in der Schule, muss Carla vorgegebene, aber für sie nicht unbedingt sinnvolle Aufgaben, abarbeiten (blau). Dabei soll sie sich möglichst unauffällig verhalten (grün). Selbst in ihrem Lieblingsfächern Sport und Musik muss sie sich zurücknehmen und darf ihrer Kreativität nicht freien Lauf lassen (blau/grün).

Als Carla nach 6 Schulstunden gegen 13 Uhr nach Hause kommt und schnell was isst, kann sie nicht etwa mit ihren Freunden spielen. Nein, „erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ (blau). Also quält sie sich pflichtbewusst (blau) durch Mathe und andere Fächer, die gerade eher zweitrangig in ihrem Leben sind – ohne sich zu beschweren (grün). Nachdem ihr aber gegen 15 Uhr die Logik der Aufgabe  immer noch nicht einleuchten will, überkommt es sie und sie wird wütend und traurig gleichzeitig. “Ich bin einfach zu blöd für Mathe” denkt sie sich (grün). Voller Frust wirft sie ihr Heft auf den Boden (ungewollt rot). Ihre Mama nimmt sie in den Arm und sagt ihr, dass das „alles nicht so schlimm“ sei und es “anderen Menschen auf der Welt noch vile schlechter geht” (grün). Ihr Papa meint nur dazu, dass „wir alle da mal durch mussten“ (blau).

Als  Carla gegen 16 Uhr endlich fertig mit den Hausaufgaben fertig ist, ist aber leider zu spät um noch mit ihren Freunden zu spielen. Also nutzt sie die Zeit um ihre Gedanken fliegen zu lassen. Versucht sich zu spüren. Bis ihre Mutter zu ihr sagt, “wenn sie eh nur rumsitzt”, könnte sie „doch auch ihr Zimmer aufräumen“ (blau/grün). Das tut weh! Nach dem Abendessen, muss Carla um 20 Uhr ins Bett (blau), denn schließlich muss sie am nächsten Tag wieder Schule. Und obwohl sie überhaupt nicht müde ist, legt sie sich hin und wartet die scheinbar endlose Zeit bis die Müdigkeit kommt. Ein erneutes Aufstehen kommt aus Angst vor den Blicken und den Kommentaren der Eltern nicht in Frage (grün).

An diesem kompletten Tag hatte Carla keine Zeit sich wirklich um sich selbst zu kümmern. Einfach nur sein zu dürfen. So, wie sie ist. So, wie sie möchte. Sie musste sich immer wieder anpassen.

„So what?“ könnte man nun fragen.

Nun, ein Kind ist in seiner vollen Entwicklung. Es möchte die besonderen Fähigkeiten ent-wickeln. Also aus sich heraus wickeln. Regeln, Konditionierungen und Grenzen schaffen das Gegenteil. Sie setzen unnatürliche Einschränkungen, die dazu führen, dass diese besonderen Fähigkeiten verkümmern können. Weil wir unseren Kindern etwas Gutes wollen und sie so gut wie möglich in die Gesellschaft integrieren möchten, verhindern wir ein erfolgreiches Ent-wickeln.

Die Konditionierung verhindert es nicht nur, sie schüttet auch noch einen Berg auf alles Bisherige. So kommt es, dass Menschen anfangen, zu „funktionieren“. Wie oft habe ich schon den Satz „ich fühle nichts“ gehört (blaue Anpassung). Wie schwer ist es mir selber gefallen, meine Gefühle wahrzunehmen, zu spüren, zu akzeptieren, sie zu benennen und dann noch den Mut zu haben sie auszusprechen (blaue Anpassung). Wie oft wollte ich schon „Nein“ sagen und habe dann doch „Ja“ gesagt (grüne Anpassung). Wie oft bin ich (insbesondere mit meinen Kindern) in Situationen geraten, in denen ich wusste, dass ich nicht so handle wie ich es möchte und habe es dennoch getan (ungewollt rote Anpassung).

Das alles stammt aus unserer Vergangenheit. Aus unserer Konditionierung. Das alles ist aber auch änderbar. Genauso wie wir es in uns aufgenommen haben, können wir es wieder loswerden. Es ist allerdings ein Stück Arbeit, denn schließlich tragen wir die Anpassung schon lange mit uns herum. Wir sollten auch nicht den Fehler machen und unsere Eltern dafür verurteilen, denn sie haben eine ähnliche Konditionierung durchgemacht, wie die, die sie uns weitergegeben haben. Und sie hatten nicht die Möglichkeiten Informationen zu erhalten, wie wir. Wir können nur die Gegenwart akzeptieren. Und uns heute entscheiden, wie wir weitermachen wollen.

Was willst Du für Dein Kind? Möchtest Du später ein Mensch sehen, der wie ein trainierter Hund lebt oder lieber ein Mensch, der sein wahres ICH entfalten durfte?

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